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Photovoltaik - Handwerker im Gespräch

Doppelinterview mit den zwei Handwerkern und Dozenten Rolf Gühring und Martin Wieland

Fachleute im Bereich der erneuerbaren Energien sind wichtig. Besonders durch die zunehmende Relevanz der Photovoltaik im deutschen Energiemarkt und den dadurch entstehenden Bedarf an qualifizierten Handwerkern rückt eine Fortbildung zum Solarteur immer weiter in den Vordergrund. Über die Art und Weise sowie den Stellenwert einer solchen Schulung und über die verschiedenen Angebote sprach ? green Solarteur® Special in einem exklusiven Doppelinterview mit den zwei Handwerkern und Dozenten Rolf Gühring und Martin Wieland. Beide sind Kenner ihres Faches und standen uns bei allen Fragen rund um den Photovoltaik (PV)- und Solarthermiemarkt Rede und Antwort.

Herr Rolf Gühring [RG], Sie sind am SEZ Stuttgart der Photovoltaik- Dozent für die Fortbildung zum Solarteur. Wie kam es zu dieser Ausrichtung von Ihnen und wie unterscheidet sich diese von anderen Ausbildungen?

[RG] Bereits 1990 wurde geplant, auf dem Dach des ElektroTechnologieZentrums (etz) eine PV-Anlage und ein Übungsdach zu errichten. Die PV-Anlage verfügte über verschiedene Fehlersimulationsschalter, um eine praxisgerechte Fehlersuche zu ermöglichen. Auf dem Übungsdach konnten verschiedene, damals am Markt befindliche Montagesysteme unter Praxisbedingungen montiert werden.

Herr Martin Wieland [MW], Sie haben am SEZ Stuttgart eine Fortbildung zum Solarteur absolviert. Wie sind Sie darauf gekommen und weshalb haben Sie sich gerade dafür entschieden?

[MW] Ich wurde damals (vor gut 14 Jahren) von einer namhaften – ich sag es ja echt ungern – CDU-Politikerin auf das SEZ aufmerksam gemacht, nachdem ich mich über den damaligen kurzfristig eingetretenen Förderstopp im Landratsamt in Stuttgart beschwert habe. Zum damaligen Wirtschaftsminister Walter Döring bin ich leider nicht durchgekommen. Nachdem ich meinen Unmut kundgetan hatte, kamen wir irgendwie auf das SEZ und ich erfuhr, dass man sich hier in Sachen „Solar“ weiterbilden konnte und auch Lehrkräfte gesucht werden.

Können Sie uns noch etwas über die Art und Weise dieser Fortbildung sagen?

[RG] Schon bei den ersten Kursen – einen Solarteur gab es damals noch nicht – wurde Wert auf große Praxisnähe gelegt. Auch war immer der Blick auf verschiedene Erneuerbare Energien gerichtet. So umfasst der Solarteur in Stuttgart PV, Solarthermie und Wärmepumpen.

[MW] Während in der Anfangszeit ausschließlich Vorlesungen an mehreren Abenden sowie freitags und samstags vor Ort, also im etz, abgehalten wurden, gestaltet sich die Ausbildung heute ganz anders. Das Seminar basiert auf einem Blended- Learning-Konzept. Die Lerntätigkeit findet über das Internet statt, wird tutoriell begleitet und durch Präsenzphasen abgerundet. Zunächst bekommt man ein breit gefächertes Allgemeinwissen zu den oben genannten Themenschwerpunkten vermittelt. Mehr und mehr geht man dann in die detaillierte Anlagentechnik, die Planung und Auslegung einzelner Komponenten sowie eben ganzer Anlagen. Den Abschluss der Ausbildung bildet ein Praxispart, in dem man dann das theoretisch erworbene Wissen letztendlich „begreifen“ kann.

Nun gibt es auch noch weitere Fortbildungsangebote, u.a. Seminare und Schulungen von Firmen aus der Branche. Wie stehen Sie dazu und nehmen Sie auch solche Angebote wahr?

[RG] Viele Firmen schulen nur in ihren Vertriebsmarken, ob bei Wechselrichtern, Montagesystemen oder ganz allgemein in ihren Systemen. Eine so breit aufgestellte Schulung wie zum Solarteur ist mir nicht bekannt.

[MW] Ich denke, das eine schließt das andere ja nicht aus. Zum einen sind die Bereiche PV, Solarthermie und Wärmepumpen trotz etlicher Berührungspunkte an sich ja schon eigenständige Techniken. Zum anderen bietet der Markt eine Unzahl an unterschiedlichen „Systemen“ und an noch mehr speziellen Produkten. Hieraus resultieren zwangsläufig spezielle Firmenschulungen, die konzentriertes Wissen an den Handwerker weitergeben. Nur so kann gewährleistet werden, dass beim Endkunden auch komplexe Anlagen effizient arbeiten können und eine saubere, einwandfreie Arbeit abgeliefert wird.

Ganz allgemein: Welchen Stellenwert hat eine regelmäßige Fort- und Weiterbildung in Ihrem Beruf?

[MW] Einen sehr hohen Stellenwert. Grundsätzlich sind die Erneuerbaren Energien ja noch „lange“ nicht am Limit angelangt und bis hin zu 100 % Erneuerbare ist noch mächtig viel zu tun. Sowohl in Forschung und Entwicklung als und vor allem auch im handwerklichen Bereich. Da ist eine ständige Weiterbildung schlicht und einfach notwendig.

[RG] In meiner Funktion als öffentlich bestellter und vereidigter Sachverständiger komme ich immer häufiger zu Anlagen, die nicht den anerkannten Regeln der Technik entsprechen und auf eine mangelnde Ausbildung der Errichter schließen lassen. Dies schadet nicht nur den Kunden und bei Regress den Errichtern, sondern bringt zusehends die ganz Branche in Verruf.

Kommen wir zum Photovoltaikmarkt, Herr Gühring. Welche ntwicklungen konnten Sie in den letzten Wochen und Monaten feststellen und welche Entwicklungen spielen speziell für Sie als Solarteur eine wichtige Rolle (positiv und negativ) bzw. welche Entwicklungen würden sich für Sie positiv oder negativ auswirken?

[RG] In der Photovoltaik sind wir es gewohnt, dass es keine verlässliche und kontinuierliche Förderung gibt. Ein zweiter Absenktermin im Sommer ist ein weiterer Schritt in Richtung „katastrophaler Beschäftigungspolitik“.

Gibt es spezielle Präferenzen Ihrer Kunden? Wird z.B. vermehrt Wert auf Eigenverbrauch o.Ä. gelegt?

[RG] In Privathaushalten ist Eigenverbrauch heute Standard. Beim Gewerbe sind die Strompreise noch zu niedrig, da wird Volleinspeisung gewählt.

Und welche Rolle spielen Ihrer Ansicht nach die Förderungsbedingungen im Bereich der PV und wohin sollte sich die Förderung bewegen?

[RG] Der Eigenverbrauch muss mit „Zähnen und Klauen“ verteidigt werden. Er ist der Schlüssel zum Erfolg der Photovoltaik. So kann die Einspeisevergütung nicht unter den aktuellen Strompreis fallen. Die Stromversorger sähen natürlich die Regeln vor dem EEG lieber (90 % der Stromgestehungskosten des vergangenen Jahres –
Damals 16 Pf, heute 6 – 7 ct).

Herr Wieland, welche Entwicklungen konnten Sie in den letzten Wochen und Monaten im Solarthermiemarkt feststellen und welche Entwicklungen spielen speziell für Sie als Solarteur eine wichtige Rolle (positiv und negativ) bzw. welche Entwicklungen würden sich für Sie positiv oder negativ auswirken?

[MW] Nun, gerade in letzter Zeit wird ja sehr viel über den „schlafenden Riesen“ Thermiemarkt äußerst umstritten diskutiert. Für mich beängstigend festzustellen war die Tatsache, dass auf der diesjährigen Intersolar die Solarthermie mehr oder weniger total von der PV „aufgefressen“ wurde. Mehrere große Anbieter waren überhaupt nicht oder nur sehr spärlich vertreten. Auf den entsprechenden Branchenständen musste man Infomaterial und Publikationen zur Thermie intensiv suchen bzw. man konnte dazu gar nichts finden, weil nichts da war. Da fragt man sich schon, ob hier alles richtig läuft und wer hier wen vertritt. Eine Fehlentwicklung, die übrigens auch immer wieder im Gespräch mit Herstellern und Lieferanten deutlich zum Ausdruck gebracht wurde.

Welche Rolle spielt Ihrer Ansicht nach die Förderungsbedingungen im Bereich der Solarthermie und wohin sollte sich die Förderung bewegen? Es wird in der Branche ja oftmals eine Benachteiligung gegenüber dem PV-Markt beklagt.

[MW] Fakt ist, dass seit der „absolut unnötigen“ Förderstopp-Aktion von Mai — Juli 2010 der Thermiemarkt nicht wirklich wieder in die Gänge gekommen ist. Sicherlich war dies nicht der einzige Grund und man kann sich natürlich trefflich darüber streiten, in welcher Form, in welcher Art oder ob überhaupt gefördert werden soll. Schlagworte wie Wärmeprämie, verschärftes Wärme-EEG, Steuerabschreibungen oder eine Vergütung pro Solarertrag stehen hierbei zur Diskussion. Diesbezüglich sollte meiner Meinung nach seitens der Politik, aber auch der Interessenvertreter (BSW, BEE etc.) schnellstmöglich eine klare Regelung getroffen werden. Ganz wesentlich für eine sinnvolle Förderung sind nämlich die Kontinuität sowie die klare Strukturierung der Förderkonditionen über einen längeren Zeitraum. Mit politischen Hau-Ruck-Aktionen, die wir in der Vergangenheit ja immer mal wieder hatten, wird der Markt nicht angereizt, sondern abgewürgt, da Kunden verständlicherweise in Wartestellung verharren. Hinzu kommt, dass der Markt – selbst wenn eine Hau-Ruck-Aktion als Fehler eingestanden und infolge dessen wieder rückgängig gemacht wird, vielleicht sogar mit verbesserten Konditionen, leider nicht so schnell wieder anspringt – wie er zusammengebrochen ist. Die Frage, ob bei der Förderung die Thermie gegenüber der PV benachteiligt wird, kann natürlich nur mit „Ja“ beantwortet werden. Die Thermieförderung ist im direkten Vergleich zur Vergütungsregelung bei der PV ja geradezu lächerlich. Das ist schlicht eine Tatsache! Meiner Meinung nach könnte man auf jegliche Solarförderung ganz verzichten, wenn alle – und ich meine wirklich „alle“ – Subventionen in sämtlichen Bereichen (z.B. Kerntechnik, fossile Brennstoffe, etc.) gestrichen würden. Denn leider werden bei den meisten Wirtschaftlichkeitsberechnungen die so genannten „versteckten Kosten“ wie CO2-Belastung, Umweltverschmutzung, Gesundheitsschäden, Ausbeutung der Natur, Atommüllentsorgung, Importabhängigkeit
usw., die durch die Nutzung konventioneller Energie entstehen und von der Gesellschaft getragen werden, leider gar nicht berücksichtigt. Würde man dies tun, bin ich davon überzeugt, dass sich insbesondere thermische Solaranlagen schneller „rechnen“ würden als alles andere!

Herr Wieland, gibt es im Handwerk überhaupt eine Art Konkurrenz zwischen Solarthermie und PV?

[MW] Bei dieser Frage drücken Sie bei mir aufs rote Knöpfchen – da muss ich weiter ausholen. Eine Konkurrenz auf technischer und lobbyistischer Seite gibt es sicherlich, was ja auch in Ordnung ist. Eine Konkurrenz im Handwerk sehe ich nicht. Man sollte hier auch nicht den Fehler machen, eine gute Sache gegen die andere gute Sache aufzupeitschen. Schließlich ziehen beide Gewerke ja am selben Strang und nutzen die Sonnenenergie. Nichtsdestotrotz muss es erlaubt sein, die PV mit der Thermie sachlich zu vergleichen, was z.B. der von mir sehr geschätzte Schweizer Solarpionier Josef Jenni gemacht hat: So wird Solarstrom in unseren Breitengraden vor allem dann erzeugt, wenn er am wenigsten gefragt ist. Je mehr PV-Anlagen installiert werden, desto gewaltigere Ansprüche werden an das öffentliche Stromnetz gestellt, was kostenintensive Ausbaumaßnahmen nötig macht. Bereits heute gibt es beispielsweise in Deutschland temporäre Leistungsspitzen von Solar- und Windstromanlagen, die die Leistung von allen deutschen Atomkraftwerken übersteigen und damit die Energieversorger vor große Probleme stellen. Diese temporären Stromüberschüsse in einem Land bergen die Gefahr, dass im europäischen Verbundnetz für diesen Strom eine eventuell sinnlose Nachfrage geschaffen (z.B. Förderung von Klimaanlagen, Zusatzstichwort Klimawirksamkeit von Kältemitteln) und so die Energie verschwendet wird. Eine örtliche Speicherung der elektrischen Energie ist nur in Batterien möglich. Mit den vorhandenen Randbedingungen (Lebensdauer und Zyklierfähigkeit, Material- und Energieaufwand zur Herstellung und Entsorgung der Batterien, hoher Bedarf an absolut seltenen Materialien, Umweltbelastung) zu einem Preis von rund € 1,20 pro umgesetzte Kilowattstunde wäre das im großen Stil betrieben eine wirklich absurde Angelegenheit. Die einzige praktikable Möglichkeit, Solarstrom zu speichern und so die Produktionsspitzen auszunutzen, besteht im Bau von großen Pumpspeicherkraftwerken. Dieses Potenzial besteht vor allem in den Alpenländern und kann auch eine wirtschaftliche Chance sein! Eine klare Fehlentwicklung ist es, wenn als Folge von Förderprogrammen ganze Dachflächen auf Wohnbauten mit PV eingedeckt werden und damit die Solarwärmenutzung unmöglich gemacht wird. Dächer von Ein- und Mehrfamilienhäusern müssen für die Produktion von Solarwärme, die wir in Zukunft dringend an Ort und Stelle benötigen, zur Verfügung bleiben! Prädestiniert für die Installation von Solarstromanlagen sind Flächen, in deren Nähe keine Solarwärmenutzung möglich ist respektive Flächen, bei denen noch ein angemessener Platz für Solarwärmenutzung übrig bleibt, z.B. Industriedächer, Dächer von Bauernhäusern oder anderen Nutzbauten. Kunstbauten entlang von Straßen bis hin zu „nicht anderweitig nutzbaren“ Flächen im Gelände sind ebenso sinnvoll nutzbar. Ein Einfamilienhausbesitzer, der eine PV-Anlage z.B. als Kapitalanlage installieren will, sollte sich besser an einer größeren Gemeinschaftsanlage, die an einem optimalen Standort (z.B. höher gelegene ländliche Regionen mit wenig durch Smog reduzierte Strahlung, weniger Nebel und höherer Leistung durch tiefere Außentemperaturen) steht, beteiligen. Damit erzielt man einen höheren Energieertrag (und bessere Rendite). Uneingeschränkte einseitige Förderung von PV-Anlagen auf Wohnbauten ist fragwürdig. Eine sinnvolle und nachhaltige Nutzung von Solarwärme und Solarstrom erfordert eine ganzheitliche Betrachtungsweise. Ein überdachtes Zusammenspiel ist aus übergeordneter energiepolitischer Sicht sinnvoller als die einseitige Vollsubventionierung von kleinen Solarstromanlagen auf Wohnbauten.

Zum Abschluss geben Sie uns doch bitte einen Ausblick – wie wird die weitere Entwicklung in Ihrer Branche aussehen?

[RG] Wenn die Eigenverbrauchsregelung bleibt und neue Speichertechnologien dazukommen, wird Photovoltaik eine große Zukunft als Energielieferant haben.

[MW] Niedertemperaturwärme für Heizung und Brauchwasser ist mit der größte Einzelposten des Nutzenergiebedarfes in Deutschland. Er erfordert rund 40 % der Endenergie, im Bereich der Haushalte und Kleinverbraucher sind es sogar nahezu 90 %. Anhand dieser Zahlen sollte es bezüglich der Notwendigkeit und des Potenzials der thermischen Nutzung der Sonnenenergie eigentlich nicht den geringsten Zweifel geben. Welchen Anteil Erneuerbare Energiequellen (insbesondere die Solarthermie) zukünftig in unserer Energieversorgung haben werden, hängt meiner Meinung nach weniger von der technischen Weiterentwicklung der Anlagen ab, sondern zum einen entscheidend von energiepolitischer Weitsicht und wirtschaftlichem Engagement, zum anderen von der Bereitschaft eines jeden Einzelnen, sich aktiv am Umweltschutz und der Ressourcenschonung zu beteiligen. Mittel- und langfristig gesehen kommen wir mangels Alternativen gar nicht darum herum, uns noch mehr mit der Sonne zu beschäftigen. Manche kapieren diesen Zusammenhang schneller, andere brauchen eben ein bisschen länger. Diesbezüglich fällt mir ein Zitat von Albert Einstein ein, der ja nun wirklich unumstritten ein „Kleverle“ war, das da heißt: „Es ist der größte Fehler der Menschheit, die Sonnenenergie nicht stärker zu nutzen“! Ich hoffe auf eine baldige Beruhigung des Marktes und somit auf eine positive Entwicklung.

Vielen Dank für das Gespräch.

Ausgabe η green 5 / 2011

Dieser Artikel wurde veröffentlicht in der Ausgabe η green 5 / 2011.
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