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Die Chancen der Energiewende - Interview mit Prof. Dr. Claudia Kemfert

Wirtschaftliche Perspektive

Die Energiewende kann von vielen Seiten betrachtet werden. Eine wesentliche davon ist die wirtschaftliche Sicht. Auf dem diesjährigen 100 % Erneuerbare-Energie-Regionen Kongress in Kassel sprach die Ökonomin Prof. Dr. Claudia Kemfert deshalb über die volkswirtschaftlichen Chancen der Energiewende. Da es dort um den regionalen Strukturwandel ging und die Aktivitäten vor Ort im Fokus standen, rückte der Blick auf die Kommunen in den Vordergrund. ? green fragte nach und sprach mit der Wirtschaftsexpertin in einem exklusiven Interview über die ökonomischen Aspekte des Ausbaus der Erneuerbaren Energien, die Möglichkeiten für Kommunen und ging darüber hinaus auch auf europäische und globale Gesichtspunkte ein.

Frau Prof. Dr. Kemfert, auf dem diesjährigen 100 % Erneuerbare-Energie-Regionen Kongress in Kassel sagten Sie, dass Energieversorgung und -effizienz schwer voneinander zu trennen sind. Wo sehen Sie Gemeinsamkeiten oder Abhängigkeiten?

Die sichere, bezahlbare und klimaschonende Energiebereitstellung ist genauso wichtig wie die sparsame und nachhaltige Energienachfrage. Je effizienter wir mit Energie umgehen, je weniger Energie wir benötigen, desto mehr Kosten können eingespart werden. Es geht bei den konkreten Einsparpotenzialen der Energienachfrage vor allem um die Verbesserung der Gebäudeenergieeffizienz und um eine nachhaltige Mobilität, aber auch das Stromsparen ist elementar. Zudem geht es auch um ein gut aufeinander abgestimmtes Energieangebot und eine entsprechende -nachfrage. Eine intelligente Steuerung von Nachfrage und Angebot kann enorme Effizienzgewinne hervorbringen.

In Deutschland beruhte die Stromerzeugung hauptsächlich auf Stein- und Braunkohle sowie auf Kernenergie. Um Klimaschutz und Energieversorgung in Zukunft unter einen Hut bringen zu können, stehen in Deutschland Ersatzinvestitionen an. Warum ist das Zeitfenster jetzt für Erneuerbare Energien so günstig?

In den kommenden zehn Jahren gehen aus politischen Gründen die Atomkraftwerke vom Netz und altersbedingt könnte die Hälfte aller Kohlekraftwerke vom Netz gehen. Diese Lücke kann sehr gut mit Erneuerbaren Energien gefüllt werden. Wenn wir heute auf den Bau von neuen Kohlekraftwerken verzichten, könnten wir die Treibhausgasminderungsziele erfüllen. Als Brückentechnologie sind Gaskraftwerke besser geeignet als Kohlekraftwerke, denn Gaskraftwerke sind flexibler einsetzbar, leicht hoch- und runterfahrbar und somit gut kombinierbar mit Erneuerbaren Energien. Zudem produzieren sie weniger Treibhausgase. Der Anteil der Erneuerbaren Energien kann von heute 20 % auf mindestens 35 % in den kommenden zehn Jahren erhöht werden. Zudem benötigen wir jedoch ebenso dringend neben dem Ausbau Erneuerbarer Energien mehr Energiespeicherpotenziale, um die Volatilitäten der Erneuerbaren Energien auszugleichen.

Weshalb sind Ihrer Meinung nach Energieeffizienz und die Erneuerbaren Energien Problemlöser und Wirtschaftsfaktor?

Die Investitionen in die Erneuerbaren Energien, in Energieeffizienz, aber auch in nachhaltige Mobilität und intelligente Infrastruktur wirken wir ein Konjunkturmotor: Es werden Arbeitsplätze und Wertschöpfung in vielen wichtigen Wirtschaftssegmenten geschaffen. In keinen anderen Bereich werden in den kommenden Jahrzehnten mehr Investitionen fließen als in die nachhaltigen Energie- und Mobilitätsmärkte. Die Energieeffizienzverbesserung wirkt zum einen kostensenkend, zum anderen bringt sie aber auch einen enormen Wettbewerbsvorteil. Deutsche Technik im Bereich Energieeffizienz ist weltweit führend. Übrigens ist die deutsche Chemiebranche in diesem Segment Weltmarktführer, da sie beispielsweise Dämmmaterialien sowie Materialien für den effizienten Fahrzeugbau oder als Ersatz für Öl herstellt. Die Branche der Erneuerbaren Energien beschäftigt schon heute knapp 400.000 Personen, diese Zahl wird in den kommenden Jahrzehnten deutlich steigen. Von der Energiewende insgesamt werden sehr viele Wirtschaftsbereiche profitieren. Die deutsche Wirtschaft kann dabei wie keine andere von dem Boom in Erneuerbaren Energien, bei neuen Kraftwerken, Energieeffizienz, bei nachhaltigen Gebäuden und Mobilität profitieren. Denn hier zu Lande ist das notwendige Knowhow im Anlagen-, Infrastruktur- und auch Kraftwerksbau zur Genüge vorhanden. Hunderttausende Arbeitsplätze können so neu geschaffen werden.

Sie bekräftigten diese Aussage, indem Sie behaupteten, dass es viele volkswirtschaftliche Aspekte und Vorteile sind, welche die Energiewende vorantreiben. Warum kann der Klimaschutz als Motor der Wirtschaft betrachtet werden? Und wie können gerade Kommunen als wichtige Träger der Energiewende davon profitieren?

Die Energiewende führt ja dazu, dass die dezentrale Energieversorgung an Bedeutung gewinnt. Großkraftwerke werden ersetzt werden durch eine regionale Energiegewinnung, insbesondere Erneuerbare Energien und Kraft-Wärme-Kopplungsanlagen. Immer mehr Regionen setzen sich das 100 % Erneuerbare-Energie-Ziel. Regionalanbieter investieren in Erneuerbare Energien, Kraft-Wärme-Kopplung, intelligente Netze und nachhaltige Mobilität. Das schafft Wertschöpfung und Arbeitsplätze auch in den Regionen und wirkt wie ein Konjunkturmotor. Regionale Anbieter sind die Gewinner der Energiewende.

Es gibt schon 100 % EE-Kommunen. Die Anzahl wächst. Wie sehen Sie diese Entwicklung und wann könnte 100 % EE-Deutschland erreicht werden?

Das wird sicherlich noch ein paar Jahrzehnte dauern. Zum einen müssen die Netze, also die Strominfrastruktur wie überregionale und regionale Netze, deutlich ausgebaut werden, zudem brauchen wir mehr Stromspeicher. Zum anderen muss aber auch der Stromverbrauch vermindert werden. Das klingt leichter als es ist, denn bisher sind wir zwar effizienter geworden, aber der Stromverbrauch ist – absolut gesehen – nicht gesunken. Wenn wir heute mit der Umsetzung dieser Ziele beginnen, werden wir sicherlich deutlich schneller zum Ziel kommen, als wenn wir zu lange warten würden. Wichtig ist, dass sich die Regionen verbindliche Ziele setzen und diese auch umsetzen. Ohne die Kommunen und ohne die regionalen Ansätze werden wir die Energiewende nicht schaffen.

In der Bevölkerung zeigt sich oft auch Ablehnung gegenüber dem EEG, denn viele rechnen damit, dass die Strompreise durch Erneuerbare Energien steigen werden. Können Sie diese Befürchtung bestätigen und sehen Sie diesen Aspekt als Argument gegen das EEG?

Nein, denn der Preiseffekt ist nicht ganz so eindeutig. Sicherlich gibt es preistreibende Faktoren, ob das EEG allerdings unbedingt dazugehört, ist fraglich. Der Börsenpreis für Strom kann mit der Angebotsverknappung und dem Zubau von neuen Kraftwerken steigen. Auch würde ein höherer Anteil von Kohlestrom den Preis nach oben gehen lassen. Zudem wirkt der Netzausbau leicht preissteigernd. Die Umlage zur Förderung Erneuerbarer Energien kann sogar sinken oder wird zumindest nicht so stark ansteigen, wie manche befürchten, da sie aus der Differenz zum Börsenpreis errechnet wird. Zudem wirken Importe und der verstärkte Wettbewerb auch preissenkend. Die Bevölkerung sieht die Energiewende übrigens eher positiv. Umfragen zeigen zudem, dass die Menschen durchaus bereit sind, für Erneuerbare Energien mehr Geld zu bezahlen. Allerdings können sicherlich nicht alle Menschen höhere Strompreise verkraften, daher ist es so wichtig, die senkenden Faktoren durch mehr Wettbewerb zu stärken und das Stromsparen zu verbessern.

Durch die Energiewende wird sich das Bild der Energieversorgung in Deutschland ändern. Strom könnte vornehmlich dezentral produziert werden, große Energiekonzerne werden sich umstellen müssen. Sehen Sie hier Chancen für den Mittelstand?

Eindeutig ja. Deutsche Unternehmen können, wenn sie sich rechtzeitig in den Markt hineinbewegen, von der Energiewende profitieren: Anlagenbauer, Hersteller Erneuerbarer Energien, Materialeffizienz-Hersteller oder auch die Branche der nachhaltigen Mobilität. Der grüne Sektor wird enorm profitieren können, insbesondere auch deshalb, da die klassischen Industriehersteller Marktpotenziale ausschöpfen können. Gerade der Mittelstand kann so profitieren.

Wie sollte ein zukünftiges deutsches Energiekonzept aussehen? Oder müssen wir von einem europäischen Energiekonzept sprechen?

Zunächst einmal müssen wir die deutschen Ziele erfüllen, den Anteil Erneuerbarer Energien inklusive Stromnetze und –speicher deutlich ausbauen. Auch Europa hat sich ambitionierte Ziele zum Ausbau Erneuerbarer Energien gesetzt. In der Zukunft wird Europa deutlich mehr als heute die Potenziale von beispielsweise Wind- und Wasserenergie in Nordeuropa und Sonnenenergie in Südeuropa nutzen können. Um die kosteneffiziente Stromerzeugung für ganz Europa zu ermöglichen, ist ebenso der Ausbau der Stromnetze zwischen den europäischen Ländern dringend geboten. In Deutschland ist wichtig, dass wir die Rahmenbedingungen möglichst zeitnah so anpassen, dass die notwendigen Investitionen getätigt werden und somit die Ziele auch erreicht werden können.

Abschließend ein kurzer Blick nach Amerika. Derzeit wird dort von einer Pleitewelle in der Solarbranche berichtet, da große Solarunternehmen insolvent werden. Wie bewerten Sie diese Tendenz und was könnte das für den deutschen Markt bedeuten?

Genau wie in Europa nimmt der Wettbewerb massiv zu, der Kostendruck ist enorm. Das ist einerseits gut, da Verbraucher von den gesunkenen Preisen profitieren können. Andererseits bedeutet dies aber auch, dass es eine Konsolidierungswelle geben wird. Nicht jedes Unternehmen wird überleben. Solarenergie wird mehr und mehr wettbewerbsfähig, Großkonzerne investieren in die Branche. Somit ist die Entwicklung gut für den Markt. Der Solarenergie gehört die Zukunft und die hat gerade erst begonnen.

Vielen Dank für das Gespräch.

Prof. Dr. Claudia Kemfert leitet seit April 2004 die Abteilung Energie, Verkehr, Umwelt am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW Berlin) und ist Professorin für Energieökonomie und Nachhaltigkeit an der Hertie School of Governance in Berlin. Sie ist Wirtschaftsexpertin auf den Gebieten Energieforschung und Klimaschutz. Claudia Kemfert war Beraterin von EU-Präsident José Manuel Barroso, zudem berät sie zahlreiche Bundes- und Landesministerien. Claudia Kemfert ist eine mehrfach ausgezeichnete Spitzenforscherin und gefragte Expertin für Politik und Medien. Zuletzt erhielt sie die Urania Medaille und den B.A.U.M Umweltpreis in der Kategorie Wissenschaft.

Ausgabe η green 6 / 2011

Dieser Artikel wurde veröffentlicht in der Ausgabe η green 6 / 2011.
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