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Solarenergie in Bolivien – Motor ländlicher Entwicklung

Inti – die Sonne

Inti – die Sonne – wurde schon bei den Inka als Gott verehrt, deren Reich sich einst über die südamerikanischen Andenregionen der heutigen Länder Argentinien, Chile, Ecuador und Bolivien erstreckte. Ihre ursprüngliche Sprache Quechua wird in Bolivien – neben der offiziellen Landessprache Spanisch – auch heute noch von fast einem Drittel der Bevölkerung gesprochen. Lea Franziska Buch und Julia Gottwald erklären, dass die Sonne einen großen Beitrag zur Entwicklung des armen Landes leisten kann, auch wenn sie von den Bürgern indigener Herkunft zwar nur noch vereinzelt verehrt wird.

Bolivien gehört zu den ärmsten Ländern Lateinamerikas: Insgesamt 60 % der Bevölkerung leben unter der Armutsgrenze, über die Hälfte von ihnen unter extremen Bedingungen. Dies ist besonders auf dem Land stark ausgeprägt, wo sogar 64 % der Menschen unter extremer Armut leiden. Besonders betroffen von der ungleichen Einkommensverteilung ist die indigene Bevölkerung. Sie verfügt durchschnittlich über weniger als die Hälfte des Einkommens von Bolivianern ohne indigenen Hintergrund. Bolivien ist eine multiethnische Nation, in der etwa 60 % der Einwohner indigene Wurzeln haben. Dazu gehören außer den Quechua und Aymara als größte indianische Volksgruppen weitere 34 Völker, die bereits vor Ankunft der Spanier in Lateinamerika auf bolivianischem Gebiet lebten.

Niedrige Elektrifizierungsrate

Die problematische wirtschaftliche Lage der Landbevölkerung und die weit voneinander entfernt liegenden Siedlungen stellen die Hauptgründe für die niedrige Elektrifizierungsrate im ländlichen Bolivien dar. Die nationale Elektrifizierungsrate lag nach Aussage offizieller Statistiken im Jahr 2007 zwar bei 80 %, genauer betrachtet wurden dabei aber 98 % der städtischen Gebiete mit Strom versorgt und nur 46 % der ländlichen Regionen. Ein seit 2005 deutlich zu verzeichnender Anstieg der Elektrifizierung ist auf die Anstrengungen der gegenwärtigen Regierung unter Evo Morales (seit 2005 im Amt) zurückzuführen. In der neuen Verfassung von 2009 wurde die Versorgung mit Elektrizität offiziell als Bürgerrecht anerkannt und die landesweite Elektrifizierung als Priorität in den nationalen Entwicklungsplan aufgenommen – als Teil des erklärten Gesamtzieles, die marginalisierte, vor allem indigene, ländliche Bevölkerung in die Entwicklung des Landes zu integrieren. Dennoch hat die Hälfte der Landbevölkerung Boliviens noch immer keinen Zugang zur tromversorgung. Mindestens 70 % dieser Menschen greifen zum Kochen und Heizen weiterhin auf Biomasse zurück. Daher ist der durchschnittliche Stromverbrauch pro Kopf hier – verglichen mit anderen lateinamerikanischen Ländern – besonders niedrig. In Bolivien liegt er bei 36 kWh (auf dem Land sogar nur bei 25 kWh) pro Monat, hingegen in Peru bei 64 kWh/Monat, in Brasilien bei 156 kWh/Monat und in Chile bei 226 kWh/Monat. Zum Vergleich: In Deutschland entfallen aktuell auf jeden Bürger im Durchschnitt etwa 605 kWh/Monat.

Wirtschaftliche Lösungen

Bolivien ist zwar aufgrund seiner Erdgasreserven – den zweitgrößten in Lateinamerika nach Venezuela – und seines gewaltigen Wasserkraftpotenzials nahezu unabhängig von Energieimporten zur Stromerzeugung, dennoch stellt der Ausbau des vorhandenen Stromnetzes angesichts der Entlegenheit und geografischen Verteilung sowie der geringen Einwohnerzahl der Gemeinden ohne Strom oftmals keine wirtschaftlich umsetzbare Lösung dar. Diese demografischen Faktoren haben auch dazu geführt, dass sich die Durchschnittskosten pro Anschluss in Netzausbauprojekten von 1990 bis 2007 fast verdoppelt haben. Die Tatsache steigert mit Blick auf die Gesamtsituation des Landes erheblich die Wettbewerbsfähigkeit der erneuerbaren Energien zur Elektrifizierung ländlicher Gegenden in Bolivien. Auch die Regierung hat das Potenzial einer dezentralen Stromversorgung durch Solar-, Wind- oder Wasserkraft als Mittel zur Armutsbekämpfung und Erhöhung der Lebensqualität erkannt. Bereits im Jahr 2007 gründete sie im Rahmen ihres Programms „Elektrizität für ein Leben in Würde“ das Projekt „Dezentrale Infrastruktur für die ländliche Transformation (IDTR)“. Bis zum Jahr 2010 erhielten dadurch 14.000 bolivianische Haushalte ein „Solar Home System“, das zumeist aus einem 50 Watt-Photovoltaikmodul mit dazugehörigem Laderegler und einer Batterie zur Energiespeicherung besteht und Energie für eine oder mehrere Energiesparlampen sowie ein Handyladegerät und Radio oder auch ein speziell angepasstes Fernsehgerät bereitstellen kann. Die Nutzung der Sonnenenergie bietet sich in Bolivien geradezu als Idealfall an, denn insbesondere im Hochlandplateau der Anden in etwa 4000 Meter Höhe ist die Sonneneinstrahlung so stark wie fast nirgendwo sonst auf der Erde. Die Nähe zum Äquator und das extrem trockene Klima sind günstige Voraussetzungen, um Radiationswerte von zum Teil über 7 kWh pro Quadratmeter am Tag zu erreichen. Diese enorme Sonneneinstrahlung bleibt zudem über das ganze Jahr hinweg relativ konstant. Sogar im tropischen Tiefland, wo aufgrund der geringeren Höhe und des feuchteren Klimas, das zur Dispersion der Sonnenstrahlen beiträgt, keine derart hohen Werte erreicht werden, ist die Sonneneinstrahlung immer noch höher als in Deutschland.

Hohe Zufriedenheit mit Solarstrom

Im Rahmen einer technischen Evaluierung der HAW Hamburg in Zusammenarbeit mit dem bolivianischen Solarunternehmen Ecoenergía Falk wurde in 2010 eine stichprobenartige Auswahl an Photovoltaiksystemen untersucht, die innerhalb des IDTR-Projekts zu unterschiedlichen Zeitpunkten und in verschiedenen Regionen und Klimazonen implementiert worden waren. Die Untersuchung kam zu dem Ergebnis, dass die Nachhaltigkeit dieser Initiative gewährleistet ist, da sich sowohl die PV-Module als auch Laderegler und Batterien als qualitativ hochwertig erwiesen und auch nach einem Gebrauch von bis zu vier Jahren in sehr gutem Zustand waren. Lediglich die Lebensdauer der Energiesparlampen unterschritt deutlich die vom Hersteller angegebenen Werte. Die Befragung der Nutzer ergab, dass fast alle Haushalte bei der Installation eine Einweisung zum richtigen Umgang mit dem „Solar Home System“ erhalten hatten. Zusätzlich befindet sich in jedem Haushalt ein Plakat, das in Text- und Bildform die wichtigsten Maßnahmen zur Erhaltung der Funktionstüchtigkeit des Systems erklärt. Viele Nutzer gaben dementsprechend auch an, Wartungstätigkeiten wie das Nachfüllen von destilliertem Wasser in die Batterie durchzuführen. Dennoch wiesen einige Systeme wartungsbedingte Mängel auf, aber nur in sehr vereinzelten Fällen waren diese gar nicht mehr in Betrieb. Es zeigte sich insgesamt eine hohe Zufriedenheit der Befragten mit dem Solarstrom. Auch die Nutzer, deren Dörfer inzwischen an das Stromnetz angeschlossen worden waren, versicherten, dass die PV-Module dadurch nicht überflüssig geworden seien, da die Stromversorgung durch das Netz auf dem Land oft unzuverlässig sei und Ausfälle somit durch die Solarenergie ausgeglichen werden könnten. Zusammenfassend kam die Studie daher zu dem Schluss, das IDTR-Projekt aufgrund der Verwendung qualitativ hochwertiger Komponenten und der Schulung der Nutzer als nachhaltig zu bewerten. Ein zusätzlicher Faktor im Sinne der Nachhaltigkeit ist, dass alle Komponenten für das „Solar Home System“ wie Batterien, Laderegler, Lampen und Handyladegeräte im eigenen Land produziert werden, nur das PV-Panel ist importiert. So wird auch der bolivianische Markt für die Technologien erneuerbarer Energien gefördert. Für einen weiteren Ausbau der Solarenergie, insbesondere zur netzgekoppelten Stromerzeugung, gilt es jedoch noch diverse Hindernisse zu überwinden.

Barrieren für weiteren Ausbau

Eine 2010 von der Universidad Católica Boliviana durchgeführte Studie, in deren Rahmen bolivianische Experten aus dem Tätigkeitsfeld Erneuerbare Energien befragt wurden, gibt Aufschluss über die entscheidenden Barrieren. Beispielsweise existieren keine politischen und regulatorischen Rahmenbedingungen, die zur Förderung der Erneuerbaren Energien beitragen oder eine Einspeisung in das Stromnetz regeln würden. Trotz der Einbindung erneuerbarer Energien in die Richtlinien zur Entwicklung und Elektrifizierung wurden keine konkreten Bestimmungen zugunsten dieser Energieformen ausgesprochen. Ebenso wenig wurden die erklärten Richtlinien bisher in eine langfristige Planung für einen Energiemix, auch unter Berücksichtigung verschiedener Arten erneuerbarer Energien, umgesetzt. Die nationale Regierung unterstützt daher auch finanziell keine Technologien für Erneuerbare Energien, gibt aber jedes Jahr 200 Mio. US-Dollar dafür aus, fossile Brennstoffe zu subventionieren. Dies beeinflusst das Kostenverhältnis zu Gunsten Nicht-erneuerbarer Energiequellen. Hinzu kommt, dass es in Bolivien noch weitgehend an Kenntnissen und Informationen über Technologien für erneuerbare Energien fehlt – sowohl bei den potenziellen Nutzern als auch bei Produzenten und Distributoren der jeweiligen Technologie. Eine häufig fehlende höhere Bildung sowie die mangelnde Erforschung erneuerbarer Energien vor Ort hemmen den technologischen Kreislauf von Adaptation und Innovation, sodass vorerst ein Defizit an Ingenieuren und Technikern herrscht, die auf erneuerbare Energien spezialisiert sind. Dieser Umstand beeinträchtigt wiederum die Produktqualität der im eigenen Land hergestellten Systeme sowie die Möglichkeiten der Markterweiterung. Aufgrund des innovativen Charakters erneuerbarer Energien sind Hochschulen auf diesem Gebiet sehr wichtige Akteure, insbesondere im Hinblick auf die Forschung, den Technologietransfer und die Ausbildung zukünftiger Fachleute.

EuropeAid-Projekte

Die Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburg hat daher zwei EuropeAid-Projekte initiiert, die in Kooperation mit der Universidad Católica Boliviana und weiteren lateinamerikanischen Hochschulen die Nutzung erneuerbarer Energien in Lateinamerika fördern. Das JELAREProjekt (Joint European-Latin American Universities Renewable Energy Project) fördert innovative arbeitsmarktorientierte Bildungs- und Forschungsansätze auf dem Gebiet der erneuerbaren Energien in lateinamerikanischen und europäischen Hochschulen. Die Universidad Católica Boliviana hat beispielsweise ein Demonstrationszentrum für erneuerbare Energie-Technologien an einer ländlichen Außenstelle der Universität implementiert. Die dort gebauten Solar-, Wind- und Biogasanlagen dienen dem Unterricht von Studierenden und werden außerdem bei Informations- und
Fortbildungsveranstaltungen genutzt, um Techniker auszubilden oder die ländliche Bevölkerung über die Technologien und ihre Anwendung zu informieren. Das Projekt REGSA (Renewable Electricity Generation in South America) widmet sich konkret der verbesserten Einbindung erneuerbarer Energien in bestehende und neue Stromnetze in Bolivien, Brasilien und Chile. In der Laufzeit 2010 – 2014 wird REGSA sowohl Studien zum technischen und sozioökonomischen Potenzial erneuerbarer Energien erstellen als auch Pilotprojekte in drei Regionen initiieren. In diesen Pilotgemeinden werden im Dialog mit den öffentlichen und privaten Interessenvertretern Machbarkeitsstudien zur Umsetzung erneuerbarer Stromerzeugung durchgeführt. Außerdem umfasst das Projekt Informationsveranstaltungen für die breite Öffentlichkeit sowie ein intensives Schulungsprogramm für Entscheidungsträger und Firmen. Diese Vielfalt soll gewährleisten, dass die ökonomischen, ökologischen und sozialen Belange aller Beteiligten bei der Planung berücksichtigt werden.

Ausgabe η green 6 / 2011

Dieser Artikel wurde veröffentlicht in der Ausgabe η green 6 / 2011.
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