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Entwicklungsperspektiven für nachhaltige 100%-Erneuerbare-Energie-Regionen in Deutschland
Entwicklungsperspektiven für nachhaltige 100%-Erneuerbare-Energie-Regionen in Deutschland
Seit Oktober 2007 führt das Kompetenznetzwerk für Dezentrale Energietechnologien (deENet) in Kooperation mit der Universität Kassel das Projekt „Entwicklungsperspektiven für nachhaltige 100%-Erneuerbare-Energie-Regionen in Deutschland“ durch. Im Verlauf der Projektarbeit hat sich herausgestellt, dass in vielen Regionen vor allem Hoffnungen auf regionalwirtschaftliche Effekte das entscheidende Motiv für das politische Engagement sind. Cord Hoppenbrock zeigt, dass wirtschaftliche Argumente oftmals mehr überzeugen als Klimaschutz.
„Das Geld liegt quasi auf dem Dach“, solche oder ähnliche Botschaften werden von Initiativen und Unternehmen aus dem Bereich der Erneuerbaren Energien (EE) häufig als wichtige Argumente für die Förderung von EE und kommunales Engagement genannt. Die anfängliche Skepsis insbesondere gegenüber Bioenergie und Windenergie ist bei vielen Bürgermeistern und Wirtschaftsförderern aufgebrochen, denen es in ihrer Region an alternativen Stellschrauben zur Belebung der Region fehlt. Das Argument der regionalen Wertschöpfung ist in aller Munde und erzeugt ein besonderes regionales Momentum, da es stärker als Klimaargumente oder Sparsamkeitsappelle verschiedene Einzelinteressen von Politik, Wirtschaft und Bevölkerung synchronisiert. Frei nach dem beliebten Strategiespiel „Die Siedler von Catan“ lautet das Motto der Regionalpolitik: „Tausche zweimal Holz und einmal Wind gegen dreimal Gold!“ Ausgangspunkt ist dabei die Überlegung, dass die Energiekosten der Haushalte, Kommunen und Unternehmen kaum Wertschöpfung innerhalb des heimatlichen Wirtschaftsraums generieren. Dieser „Kapitalexport“ addiert sich auf große Summen; so wird z.B. im Landkreis Marburg-Biedenkopf von einem Kapitalverlust von 500 Mio. Euro pro Jahr ausgegangen. Doch die komplexen Zusammenhänge werden dadurch nur unzureichend beschrieben.
Wortschöpfung regionale Wertschöpfung
Was steckt dahinter? Der komplexe Strukturwandel wird dabei meist auf das Schlagwort der „regionalen Wertschöpfung“ verkürzt. Der Begriff erscheint zunächst unmittelbar verständlich und suggeriert, dass „irgendwie alle“ profitieren. Als Überblick über die vielfältigen regionalen Effekte oder als Messkonzept ist er jedoch nur bedingt geeignet, da er vielfältige Interpretationen zulässt und die konkreten Umverteilungseffekte nicht offenlegt. Nicht alle EE-Anwendungen sind regionalökonomisch gleich bedeutsam, eigentlich kann sogar kaum von einer einheitlichen Branche gesprochen werden: Verschiedene Wertschöpfungsketten und Vermarktungsformen sind entscheidend für die ökonomischen Zielgrößen, die sich hinter dem Schlagwort „Wertschöpfung“ verbergen, nämlich Arbeitsplätze, Einkommen, Kaufkraft, Steuereinnahmen usw.. Die Errichtung von EE-Anlagen kann in vielen Regionen eine Sonderkonjunktur im Handwerk oder Baugewerbe auslösen und damit für Beschäftigung sorgen, der Betrieb der Anlagen schafft Einkommen für zehntausende von Betreibern, allerdings nur, wenn attraktive Geschäftsmodelle vorliegen und die Anlagen langfristig wirtschaftlich, also günstiger als heutige Technologien sind.
Im Photovoltaik-Boomjahr 2009 wurden z.B. in der Stadt Braunschweig ca. 4 MW PV-Leistung installiert und die Leistung damit verdoppelt. Die bisherigen Investitionen werden aufgrund der guten Marktbedingungen in der Regel hochverzinst über 500 Betreiber verteilt werden. Der Betreiber profitiert also langfristig von Einnahmen, die Arbeitsplätze aus der Errichtung der Anlagen sind hingegen abhängig von der Marktentwicklung. Die Herstellung von Systemtechnik hat sich deutschlandweit auf spezialisierte Unternehmen aufgeteilt und lässt sich nicht überall ansiedeln. Durch eine präzise Analyse der Kostenstruktur von Referenzanlagen lässt sich aufzeigen, welche Branchen bzw. Akteure auf welche Weise betroffen sind und wie sie profitieren oder verlieren können. Dabei konkurrieren die verschiedenen Anwendungen um die Investitionsentscheidung und das verfügbare Kapital der Hausbesitzer, die zwischen Sanierung, Pelletheizung, Solarheizung, Solarstrom usw. entscheiden müssen und damit regionale Märkte determinieren. Einige Regionen werden zu Gewinnern einer weltweiten Arbeitsteilung durch international erfolgreiche Unternehmen. So hat die „Windschmiede“ Enercon in Ostfriesland eine herausragende Bedeutung für den Wirtschaftsstandort. In Nordhessen sollen bis zum Jahr 2010 ca. 10.000 Arbeitsplätze allein durch die Fertigung von Anlagentechnik entstehen. [1] Andere Regionen können Energie exportieren und wieder andere stehen vor der Herausforderung, 100 %-EE in einer landwirtschaftlich oder touristisch genutzten Landschaft umzusetzen. Eine differenzierte und regionsspezifische Betrachtung ist also notwendig.
Entwurf einer regionalen Energiepolitik
Der Wandel der Energiewirtschaft ist ein Strukturwandel, der vielfältige Gestaltungsoptionen auf regionaler und kommunaler Ebene eröffnet. Die Wahrnehmung einer ordnenden und Orientierung gebenden Funktion erscheint notwendig, da energiepolitische Fragen auf die regionale Ebene verlagert werden. Dabei ergeben sich auch gewaltige Chancen für die Regionalentwicklung: Während bisher ein Wettbewerb zwischen Regionen um die Ansiedlung erfolgreicher Unternehmen stattfand, sind es nun Unternehmen, die für die Installation von Anlagen um Standorte in Regionen konkurrieren. So kann die Ansiedlung der mäßig beliebten Windenergie in vielen Regionen Impulse für die Sanierung der öffentlichen Kassen (Gewerbesteuer) setzen.
In einer neuen Studie für die Region Hannover wurde errechnet, dass 2009 durch die 235 Windräder ca. 900 Tsd. Euro Gewerbesteuer insbesondere an die Randgemeinden überwiesen wurden, ferner wurden 1,5 Mio. Euro Pachtzinsen entrichtet. Eine rein regionalökonomische Betrachtung ist dabei weniger aussagekräftig, da die Windenergienutzung vor dem Hintergrund von 34 Mrd. Euro Bruttowertschöpfung in der Region weniger ins Gewicht fällt. [2]
Die Entscheidungsträger haben nicht nur die Aufgabe, mit ökonomischen Argumenten differenziert zu argumentieren, sondern auch eine ökonomisch fundierte regionale Energiepolitik zu entwickeln, wenn die identifizierten Chancen wirklich genutzt werden sollen. Beispielsweise wird der Verzicht einer konsequenten „solaren B-Planung“ die Familien auf Jahrzehnte mit Energiekosten belasten, die beliebten Holzöfen werden über Jahre einen Druck auf die Waldnutzung ausüben, Solarstromanlagen, die aus der EEG-Förderung gehen, werden neue Vermarktungsformen benötigen usw. Selbst wenn diese Aufgaben bereits erkannt sind, fehlen häufig die geeigneten ökonomischen Informationen sowie die richtige Organisationsform. Im Rahmen des Klimaschutzkonzepts des Landkreises Osnabrück wird beispielsweise derzeit daran gearbeitet, diese grundsätzlichen Zusammenhänge für die Politik aufzuarbeiten.
Zweites Klassentreffen der EE-Regionen
Beim Kongress der „100 %-EE-Regionen“ in Kassel befasst sich ein Forum mit dem Thema der regionalen Effekte. Vom 28.–30. September 2010 treffen ca. 500 Teilnehmer aus ganz Deutschland und beraten über Strategien zur Ausgestaltung regionaler Energiepolitik. Dort wird eine umfangreiche Studie des Instituts für ökologische Wirtschaftsforschung (IÖW) vorgestellt, welche die monetären Effekte aus dem Ausbau von dezentralen Energien erstmalig umfassend beziffern soll. Ferner werden Ergebnisse aus Fallstudien aus der Region Nordhessen vorgestellt.
c.hoppenbrock@deenet.org
Literatur:
[1] Vgl. deENet (2009): Nordhessen 2020: Dezentrale Energie und Arbeit. www.deEnet.org
[2] Vgl. Möller, A. (2010): Untersuchung regionalökonomischer Effekte aus der Nutzung von Windenergie in der Region Hannover.
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