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Photovoltaik - Interview mit Volker Leh

Zentraler Strukturwandel

Deutschland einig Solarland? So einträchtig sieht es in der Realität noch nicht aus, selbst wenn der Atomausstieg beschlossene Sache ist. Dass sich die Solarbranche auf einem guten Weg befindet und vor allem der PV-Markt noch weitere Wachstumspotenziale aufweist, dürfte trotz widersprüchlicher Aussagen eines Herrn Günther Oettinger feststehen. ? green sprach dafür mit Volker Leh, Geschäftsführer der Luxor Solar GmbH.

Herr Leh, jüngst gab der EU-Kommissar für Energie, Günther Oettinger im Gespräch mit der Passauer Neuen Presse kund, dass sich die Solarenergienutzung in Deutschland nicht rechne. Was denken Sie über diese Äußerung und welche Auswirkungen könnte sie auf den deutschen PV-Markt haben?

Ich denke, dass so eine Aussage zunächst einmal recht flapsig daherkommt, denn Herr Oettinger sagt nicht klar, wie er zu diesem Schluss kommt. Wir haben nun seit fast elf Jahren das EEG, der Anteil von erneuerbaren Energien wurde in dieser Zeit nahezu vervierfacht – gut 17 % der Primärenergie in Deutschland werden nun dezentral erzeugt und liegen nicht mehr im direkten Zugriff der etablierten Energieversorger. Nach und nach sehen sie ihre Vormachtstellung bröckeln und das lassen sie nicht mit sich machen. Die Chancen, die eine Nutzung der Erneuerbarern Energien, nicht nur Solarenergie, aber eben auch Solarenergie, für die zukünftige Energieversorgung bereithalten, werden aus meiner Sicht durch derlei Wortmeldungen bewusst diskreditiert. Wir müssen uns bewusst sein, dass Interessen der etablierten Energiewirtschaft auch von politischen Stimmen vertreten werden. Umso wichtiger ist es, dass in Zukunft die Solarwirtschaft aus eigenem Antrieb mehr Aufklärungsarbeit dafür leistet und so ein öffentliches Bewusstsein dafür schafft, dass die Energieerzeugung durch regenerative Energien, durchweg positiv und unausweichlich ist. Dass dies nötig und möglich ist und vor allem wie es möglich ist, beschreibt Hermann Scheer – einer der Gründerväter des EEG – auf eindrucksvolle wie einleuchtende Weise in seinem letzten Buch „Der energethische Imperativ“, das ich an dieser Stelle Herrn Oettinger als Lektüre wärmstens empfehlen möchte.

Wann haben wir die viel beschworene Grid Parity erreicht, und benötigen wir dann überhaupt noch ein EEG?

Grid Parity, also Netzparität, ist in der Tat ein viel beschworener Begriff. Man muss sich zuerst einmal anschauen, was dieser Begriff eigentlich beinhaltet. Grid Parity bedeutet: Wann ist der Strom aus Erneuerbaren Energien für den privaten Stromkunden kostengleich mit dem, der aus fossilen Energieträgern produziert wird? Wenn man hier einen Vergleich anstellt, muss man sich aber auch aufzeigen, wo bei den etablierten Energiequellen Folgekosten für schädliche Emissionen und Rückstände abgelegt werden. Wer kommt für diese Folgekosten auf und wer trägt die Risiken? Der Stromverbraucher zahlt diese nicht direkt mit der Stromrechnung, sondern sie werden ihm – Stand heute – über Steuern, Leistungen oder Lasten, die der Staat ausgleichen muss, untergeschoben, Beispiel Umlagerung des Atommülls in Asse. Statt einer Ökosteuer brauchen wir eine Schadstoffsteuer, damit die Kosten für die Schädigung der Umwelt endlich einmal beziffert und demjenigen auf die Rechnung geschrieben werden kann, der dafür verantwortlich ist – dann würde man merken, dass die Grid Parity bereits jetzt schon erreicht ist! Das EEG benötigen wir aber dennoch, bis die Umstellung auf 100 % Erneuerbare Energien vollzogen ist, dies ist unverzichtbar und der Kerngedanke des EEG. Das Gesetz heißt ja richtig „Gesetz für den Vorrang für erneuerbare Energien“. Das bedeutet also, dass der Vorrang für Erneuerbare Energien so lange bleiben muss, bis 100 % erreicht sind, nicht jedoch die Einspeisevergütung, die kann irgendwann entfallen, aber der Vorrang für die Einspeisung Erneuerbarer Energien ist unverzichtbar.

Welche Rolle spielt der Eigenverbrauch dabei und wie passen die Begriffe Grid Parity und Eigenverbrauch zusammen?

Es ist positiv, dass die Eigenverbrauchsregelung auch 2012 im EEG verbleibt. Der Eigenverbrauch ist eine vorzügliche und kostensparende Möglichkeit, den Umfang des Netzausbaus auf das nötige Maß zu reduzieren bzw. auf einen längeren Zeitraum zu strecken. Strom, den ich selbst verbrauche, muss ich nicht durch ein Netz von A nach B befördern. Eigenverbrauch ist daher eine sehr kluge Art, mit der Stromerzeugung durch erneuerbare Energien umzugehen. Anstelle des dem momentan immer wieder proklamierten Ausbaus von Stromnetzen brauchen wir in Deutschland einen grundlegenden Strukturwandel in der Stromerzeugung und damit auch in der Verteilung. Traditionell findet Energieerzeugung bei uns zentral statt. Blicken Sie nun mal z.B. auf Desertec oder die Offshore- Windkraftwerke; wir sprechen hier über gigantische Investitionen, die auch nur von großen Konzernen gestemmt werden können. Das Forcieren solcher Projekte ist geeignet, die Vormachtstellung der etablierten Energieversorger zu erhalten. Dies ist auch an der Anhebung der Vergütung für Offshore-Windenergie ablesbar. Die Abschaltung von Atomkraftwerken und das Nichtbetreiben von Kohlekraftwerken bedeuten, dass die etablierte Energiewirtschaft andere Betätigungsfelder braucht, auf denen nur sie tätig werden kann. Die Eerneuerbaren Energien sind aber komplett anders aufgestellt. Es ist der Vorteil von Strom durch erneuerbare Energien, dass er dort erzeugt werden kann, wo er benötigt wird, auch und vor allem dort, wo von der Industrie viel Energie benötigt wird. Im industriell stark entwickelten Baden- Württemberg beispielsweise ist neben einem glücklicherweise hohen Anteil an Energieerzeugung durch Photovoltaik die Windenergie durch landespolitische Entschlüsse so schwach ausgebaut wie in ganz Deutschland nicht. Der verstärkte Ausbau der Erneuerbaren Energien hier trägt dazu bei, den oft besprochenen Netzausbau in der Größenordnung von mehreren tausend Kilometern unnötig zu machen, denn dann besteht keinerlei Notwendigkeit, den Strom aus vielfach teureren Offshore-Windparks nach Süden zu karren, wo doch der Strom dort viel sinnfälliger und ohne gigantischen Netzausbau produziert werden kann. Wir brauchen eine dezentrale Erzeugung, eine Stärkung der Eigenverbrauchsregelung, um den Netzausbau so gering wie möglich zu halten. Vor allem im Norden Deutschlands beispielsweise haben wir von Luxor Solar schon eine Vielzahl von Modulen an Kunden geliefert, die Anlagen mit einem hohen Anteil an Eigenverbrauch realisiert haben. Hier haben z.T. Bauern mit Vieh- und Mastbetrieben hauptsächlich tagsüber Energiebedarf für beispielsweise Melkanlagen oder dergleichen. Diese Betriebe decken ihren Bedarf jetzt durch eine PV-Anlage, teilweise auch kombiniert mit einer kleinen Windanlage und speisen darüber hinaus ihren Strom auch noch ein. Eigenverbrauch und dezentrale Einspeisung – perfekt!

Am 16. Juli fiel zwischen 15 und 16 Uhr der Strompreis an der Leipziger Strombörse erstmals von den üblichen e 0,05 KW/h auf e 0,025 KW/h und somit sogar noch unter den Nachtstromtarif. Ist das ein Signal für die Potenziale, die Strom aus Erneuerbaren Energien grundsätzlich hat?

Vollkommen. Für mich war das ein sehr glücklicher Tag, weil genau da überdeutlich geworden ist, was für ein Beitrag an Stromerzeugung durch Photovoltaik bereits schon geleistet wird. Noch schöner wird es, wenn man sich klar macht, dass jede installierte PV-Anlage nach 20 Jahren den Strom quasi zum Nulltarif und praktisch emissionsfrei weiterproduziert! Die Leipziger Strombörse wird in Zukunft noch mehr solcher Tage erleben.

Aber wie kann der Endkunde davon partizipieren? Denn das konnte er vom 16. Juli nicht.

Jeder Endkunde hat es glücklicherweise selbst in der Hand, zu partizipieren, denn jeder ist in der Lage, den Stromversorger selbst zu wählen. Wechselt man dorthin, wo der Strom ausschließlich aus Erneuerbaren Energien erzeugt wird, kommt er dem schon ein gutes Stück näher. Noch besser ist es, wenn man den Strom selbst produziert, am besten auf dem eigenen Dach, da hat man in puncto Strompreiserhöhung auch keine Überraschungen zu befürchten!

Vielen Dank für das Gespräch!

Ausgabe η green 4 / 2011

Dieser Artikel wurde veröffentlicht in der Ausgabe η green 4 / 2011.
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