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100 % EE – bitte kommunal!

100 % EE – bitte kommunal!

Die Energiewende findet in den Städten statt

Es geht nicht mehr um die Frage, ob eine 100 %ige Versorgung mit Erneuerbaren Energien möglich ist. Die Themen bestehen darin, wie konkrete Pfade auf dieses Ziel hin gefunden werden. Wenn Energieeffizienz eine wesentliche Bedingung ist und mehr als 70 % der Energie in Städten umgesetzt wird, dann kommt den Städten eine besondere Aufgabe zu. Hierbei können Energieverbünde und Bündnisse mit der Region beiderseitige Vorteile bieten. Dr. Werner Neumann zeigt, wie sich die Stadt Frankfurt am Main bereits auf den Weg zur einer Green City gemacht hat.

Schon im Jahr 1990 hat sich die Stadt Frankfurt am Main mit dem Beitritt zum Klima-Bundnis europaischer Stadte das Ziel der Halbierung der CO2-Emissionen bis zum Jahr 2030 gesetzt. Diese Zielsetzung wurde seitdem in konkrete kommunale Beschlusse und Masnahmen umgesetzt. Im Jahr 1991 wurden die Weichen gestellt, dass – wo immer moglich – die Niedrigenergiebauweise realisiert wird – ob bei eigenen Gebauden oder durch andere Investoren. Im Jahr 2006 wurde entschieden, dass bei stadtischen Gebauden sowie bei Neubauten und Modernisierungen der stadteigenen Wohnungsbaugesellschaft ABG Frankfurt Holding nur noch Passivhauser gebaut werden. Bisher sind nun uber 1.500 Wohnungen und 150.000 m2 Nutzflache als Passivhaus ausgerichtet. Das Hochbauamt hat bereits drei Passivhausschulen und mehrere Kindergarten realisiert, weitere 90 Projekte sind geplant. Aktuell erfolgt die Planung fur das weltweit erste Krankenhaus in PH-Standard. Frankfurt wird somit als Passivhaushauptstadt kaum einzuholen sein.

Energiemanagement

Spitze ist Frankfurt auch bei dem seit 1987 bestehenden kommunalen Energiemanagement. Seither konnten uber 90 Mio. Euro Kosten eingespart werden. 100 Schulen machen mit beim Einsparwettbewerb und erhalten jahrlich uber 700.000 Euro als Belohnung. Auch im Gebaudebestand wurden durch die ABG FH schon zwei Altbausanierungen zum Passivhaus umgesetzt. Das stadtische Energiereferat betreut und fordert zudem Modellprojekte, bei denen Gebaude mit erhaltenswerten Fassaden auf den Effizienzhausstandard 70 – 100 gebracht werden. Der Heizenergieverbrauch von Grunderzeitgebauden und denkmalgeschutzten Gebauden konnte um das 2- bis 4-Fache gesenkt werden – und dies bei Erhalt des Stadtbildes! Nur mit Umstellung auf effiziente Nutzung von 100 % Erneuerbarer Energie werden historisch wertvolle Gebaude zu erhalten sein, ansonsten konnte kunftig niemand mehr die Energierechnung zahlen. Das Energieforum Banken und Buro und der Hochhausrahmenplan haben bewirkt, dass in Frankfurt gleich mehrere Hochhauser mit hochster Energieeffizienz gebaut wurden. Vorreiter war 1997 der Commerzbank Tower, der die Richtung in der Planungswelt fur offenbare Fenster und regelbares Tages- und Kunstlicht angab. Es folgten die mit dem Frankfurter Green Building Award ausgezeichneten Gebaude der Helvetia-Versicherung und der KfW-Bank. Mit dem Neubau der Westarkade der KfW-Bank und der kompletten Modernisierung der Green Towers der Deutschen Bank weisen zwei der energieeffizientesten Gebaude der Welt den Weg.

Kraft-Wärme-Kopplung

Immer ist auch Kraft-Warme-Kopplung im Spiel. In Frankfurt wird das Prinzip „Wir machen unseren Strom selbst und nutzen auch die Abwarme“ schon seit 1926 (!) umgesetzt. Spater, in den 1960er- bis 1970er-Jahren, wurden neue Heizkraftwerke gebaut. Deren Fernwarmenetze werden gerade miteinander zu einem effizienteren Verbund zusammengeschlossen. Nach 1990 wurde systematisch nach Standorten und Betreibern fur kleine Hauskraftwerke gesucht – uber 180 dezentrale Anlagen kamen somit hinzu, zahlreiche in stadtischen Gebauden, einige verbunden mit neuen Nahwarmenetzen. Seit einigen Jahren kommt mit Nutzung der Tarife des Erneuerbare-Energien-Gesetzes auch die Biomasse zum Zuge. Vorrangig werden in Frankfurt Reststoffe eingesetzt. Biokompost und biologische Abfalle der Industrie werden zu Biogas, seit September 2011 auch aufbereitet und ins Erdgasnetz gespeist. Holzabfalle aus Mull und Landschaftspflege landen im Biomasseheizkraftwerk und erzeugen 10 MW Strom.

Energieeffizienz

Verbunden mit zahlreichen offentlichen Forumsrunden wurde im Jahr 2008 das Energie- und Klimaschutzkonzept der Stadt Frankfurt fertig gestellt. Es ist der Leitfaden fur die Klimaschutzmasnahmen bis 2020 – 2025. Uber 50 Masnahmen zeigen die grose Vielfalt der Aktivitaten. Schwerpunkt ist und bleibt die Energieeffizienz – schlieslich werden derzeit immer noch bundesweit uber 50 % der Primarenergie schlichtweg verschwendet. Fur Frankfurt bedeutet dies 1 Mrd. Euro jahrlich ware besser in regionale Wertschopfung und Arbeitkraft eingesetzt als fur den Import von Kohle, Ol und Gas, die dann doch nicht genutzt werden. Frankfurt am Main setzt besonders auf die Einsparung von Strom, denn hier liegen die grosten und zugleich wirtschaftlichsten Einsparpotenziale. Haushalte, kleine und mittlere Unternehmen, Vereine und Kirchen erhalten daher eine Forderung der gesparten Kilowattstunde Strom, entweder auf Vorlage einer Stromrechnung mit geringerem Ver brauch oder fur die Investition z.B. in effizientere Beleuchtung oder Kuhlung. Gemeinsam mit der Mainova AG propagiert die Stadt den Einbau neuer effizienterer Heizungspumpen. Das vom Energiereferat entwickelte System des Stromspar-Checks wurde in Frankfurt vom Caritasverband ubernommen und bundesweit in uber 100 Stadten verbreitet. In Frankfurt erfolgten schon 1.500 Stromsparchecks fur Haushalte mit geringem Einkommen, bundesweit sind es uber 50.000. Klimaschutz muss immer mit sozialen Projekten verbunden sein. Frankfurt hat mit diesen und weiteren Erfolgen den Platz 2 beim Wettbewerb Bundeshauptstadt im Klimaschutz im Jahr 2010 erreicht. Nun setzte sich die Romer-Koalition aus CDU und GRUNEN weitere Ziele. In den nachsten Jahren soll ein Plan erstellt werden, wie Frankfurt (spatestens) im Jahr 2050 zu 100 % aus Erneuerbaren Energien versorgt werden kann. Wahrend zahlreiche Studien zum 100 % EE-Ziel meist an der Versorgungsseite – ob nun bei Offshore Wind oder Solarstrom aus der Wuste – ansetzen, wird Frankfurt bei sich an der Haustur beginnen. Denn die grosten Potenziale zur Senkung von Verbrauch und Kosten liegen in unseren Gebauden. Eine Idee ist, mittelfristig fur jedes Gebaude einen energetischen Modernisierungsfahrplan aufzustellen und dies mit Warmeplanen zu verbinden. Es wird sich zeigen, dass in jedem Gebaude der Verbrauch um mehr als 50 % gesenkt werden kann. Bei der Energieversorgung wird es sinnvoller sein, anstelle einer Vielzahl alter Heizkessel zukunftig Gemeinschaftsheizungen mit Fernwarme oder Hauskraftwerken zu errichten – fur Wohnblocks, fur Siedlungen und fur Stadtteile. Die grosen und kleinen Kraft-Warme-Werke bieten zugleich den Ausgleich fur schwankenden Wind- und Solarstrom und konnten mit Wind-Solar-Methan aus der Region gespeist werden. Das Modell der Ringe – Gebaude, Siedlung, Stadtteil, Stadt – muss auf die Region erweitert werden. Erste Abschatzungen zeigen, dass nur 20 % des heutigen Strom- und Warmebedarfs aus Solarenergie, Windenergie und Biomasse aus dem Stadtgebiet gedeckt werden konnen. Unsinnig ware es aber, weiterhin 80 % des Bedarfs in die Stadt zu importieren. 50 % der Primarenergie konnen schlieslich durch Energieeffizienz eingespart werden. Die Anlagen, die die restlichen 30 % erneuerbare Energie liefern, konnen daher vor allem in der Region stehen. Eine uberregionale Versorgung und transnationale Netze werden moglicherweise weniger Bedeutung haben als heute unterstellt, sofern die wesentlichen Schritte in den Stadten umgesetzt werden.

Bündnisse sind nötig

Solche neuen technischen Verbindungen – Gebaude, Stadtteil, Region – konnen nachhaltig nur bestehen, wenn dies mit neuen wirtschaftlichen und politischen Bundnissen verbunden wird. Schon jetzt sind Energieprojekte in Frankfurt stark auf Schaffung und Ausbau von Partnerschaften ausgelegt. Die Mainova AG und die ABG FH haben eine eigene Gesellschaft fur innovative Projekte gegrundet, die abgnova GmbH. Bei OKOPROFIT, LEEN und im UmweltForum RheinMain wirken mehrere 100 Betriebe zusammen fur profitablen Klimaschutz. Im Verein Energiepunkt Frankfurt e.V. haben sich 17 Energiedienstleister, Handwerksinnungen, Bildungseinrichtungen und Energieberater zusammengeschlossen.

Ausgabe η green 5 / 2011

Dieser Artikel wurde veröffentlicht in der Ausgabe η green 5 / 2011.
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