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100%-Erneuerbare- Energie-Regionen

in Deutschland

Der Klimawandel hat gravierenden Konsequenzen für das menschliche Dasein, trotzdem bleiben die (inter-)nationalen Zielvereinbarungen und Maßnahmenprogramme, diesen zu begrenzen, weit hinter den Erfordernissen zurück. Steffen Benz zeigt auf, dass es dennoch im Kontext der klimatischen Krise bei näherer Betrachtung positive Entwicklungen gibt, die auf eine Lösung der Probleme hoffen lassen.

Es lohnt sich, einen Blick auf die regionale und kommunale Ebene zu werfen, wo bereits sehr konkrete und ambitionierte Zielfestlegungen, eine Vielzahl von Aktivitäten und beachtliche Erfolge auf dem Weg zu einem nachhaltigen Energiesystem zu verzeichnen sind.
Die Analyse und Unterstützung der regionalen Umsetzungsaktivitäten sowie die Untersuchung der Hemmnis- und Erfolgsfaktoren für die Realisierung einer nachhaltigen Energiewende stehen im Mittelpunkt des Verbundprojektes „Entwicklungsperspektiven für nachhaltige 100%-Erneuerbare- Energie (EE)-Regionen in Deutschland“, das von der Universität Kassel und vom Kompetenznetzwerk Dezentrale Energietechnologien (deENet) durchgeführt wird. Erste Zwischenergebnisse des Projektes lassen die Dimension erkennen.

Was sind 100%-Erneuerbare-Energie-Regionen?

Eine allgemein gültige Definition besteht in der Literatur bisher nicht. Bevor im Folgenden auf die Kriterien eingegangen wird, müssen einige Besonderheiten erläutert werden. Bei dem Phänomen der Entwicklung von 100%-EE-Regionen handelt es sich um einen Prozess, der in den meisten Regionen noch am Anfang steht. Folglich genügt es für die Analyse und Klassifizierung einer Region nicht, den Zustand dieser Region zu betrachten. Es müssen vielmehr auch die Zielebene, die den Willen der regionalen Akteure widerspiegelt sowie die Handlungsebene, welche die Aktivitäten bzw. die Dynamik in der Region anzeigt, berücksichtigt werden. Weiterhin ist vorweg festzustellen, dass durch die Vielfalt der Regionen zwar das Ziel einer nachhaltigen 100%-EE-Region im Wesentlichen allgemein gültig definierbar ist, der Weg dorthin aber letztlich für jede Region individuell betrachtet werden muss.

100%-Erneuerbare-Energie-Regionen sind Regionen und Kommunen,

- die sich erstens das Ziel gesetzt haben, ihr Energiesystem in den nächsten Jahrzehnten nachhaltig und vollständig auf erneuerbare Energien umzustellen. Dies umfasst insbesondere die weitestmögliche Verminderung des Energieverbrauchs durch Einsparung und die effiziente Umwandlung sowie Nutzung von Energie, die sowohl für die Bereiche Strom und Wärme als auch für die Mobilität ausschließlich aus erneuerbaren Energiequellen stammt. Darüber hinaus ist entscheidend, dass die Energie umwelt- und gesundheitsverträglich und möglichst aus regionalen Energiequellen bereitgestellt wird, um somit die regionale Wertschöpfung zu steigern. Schließlich ist es wichtig, dass die Entwicklungsziele im Bewusstsein der Bürger der Region verankert sind und die Umsetzung der Energiesystemumstellung eine breite Unterstützung durch regionale Akteure findet.

- die zweitens bereits Umsetzungsaktivitäten, Maßnahmen und Programme zur Realisierung eines nachhaltigen Energiesystems durchführen, in Angriff genommen oder zumindest in Form von Maßnahmenkonzepten geplant haben.

- die drittens Zwischenetappen auf dem Weg zu einer nachhaltigen Erneuerbaren- Energie-Region erreicht und sich dem Ziel somit bereits genähert haben.

Da der Prozess der Energiewende in vielen Regionen erst am Anfang steht, muss eine Region nicht alle der genannten Kriterien erfüllen. Die konkrete Klassifizierung erfolgt daher im Rahmen einer Gesamtschau der regionalen Ziele, Aktivitäten und Errungenschaften, wobei den Kriterien der Zielund Handlungsebene eine hervorgehobene Stellung eingeräumt wird.

Wie viele Regionen gibt es?

Im Rahmen der Bestandsaufnahme wurden bislang bundesweit 94 Regionen und Kommunen identifiziert, die als 100%-EERegionen klassifiziert werden konnten. Dabei ist allerdings zu berücksichtigen, dass eine Vielzahl der Kommunen innerhalb von anderen 100 %-EE-Regionen liegt. Weitere 50 Regionen und Kommunen sind auf dem Weg, zu solchen Regionen zu werden, sodass davon auszugehen ist, dass die Anzahl in Zukunft stetig steigen wird.

Beispiele

Die identifizierten 100%-EE-Regionen sind über ganz Deutschland verteilt und erstrecken sich vom Landkreis Dithmarschen in Schleswig-Holstein bis zum Landkreis Berchtesgaden in Bayern. In fast allen Bundesländern sind bereits Regionen anzutreffen, die aktiv eine nachhaltige Energieversorgung anstreben. Ein Beispiel ist die in Schleswig-Holstein gelegene Gemeinde Sankt Michaelisdonn mit 3.650 Einwohnern. Diese hat sich das Ziel gesetzt, ihre Energieversorgung auf 100 % erneuerbare Energien umzustellen. Zur Umsetzung dieses Ziels wurde in Sankt Michaelisdonn ein Energiebüro als Koordinierungsstelle geschaffen. Darüber hinaus liefern bereits heute repowerte Windenergieanlagen mit über 12 MW, eine Biogasanlage, die ausschließlich auf Rest- und Abfallstoffen basiert mit 560 kWel, eine Photovoltaik- Freiflächenanlage mit 200 kWp sowie weitere Kleinwindkraft- und Photovoltaikanlagen ein Vielfaches des lokal verbrauchten Stroms.
Ein weiteres Beispiel ist der Landkreis Marburg-Biedenkopf, der im Jahr 2007 den Beschluss gefasst hat, seine Energieversorgung in den Bereichen Strom und Wärme zu 100 % aus erneuerbarer Energie bereitzustellen (www.regio-energie.org). Auf der Handlungsebene kann zum Beispiel die Durchführung einer Potenzialanalyse, die
Umsetzung von Beispielprojekten sowie die Einrichtung einer Koordinierungsstelle festgestellt werden. Ferner ist die Entwicklung eines regionalen Klimaschutzkonzeptes zur Umstellung der Energieversorgung geplant. Obwohl weder Marburg-Biedenkopf noch Sankt Michaelisdonn eine vollständige Versorgung durch erneuerbare Energien erreicht haben, werden die beiden genannten Regionen als 100%-EE-Regionen bezeichnet, weil sie insbesondere die oben genannten Kriterien der Ziel- und der Handlungsebene erfüllen.

Fazit

Wenngleich für die Umstellung des Energiesystems globale und nationale Zielsetzungen notwendig sind, so muss die Realisierung eines nachhaltigen Energiesystems in erster Linie dezentral durch regionale Akteure durchgeführt werden. Zahlreiche Regionen in Deutschland haben diese Herausforderung, die zugleich eine regionalwirtschaftliche Chance darstellt, bereits angenommen. Weitere Regionen stehen in den Startlöchern, sodass das Netz von 100%-Erneuerbare- Energie-Regionen immer enger wird und sich das nachhaltige Energiesystem sowohl in der Fläche als auch in der Qualität stetig weiterentwickelt.

s.benz@uni-kassel.de

Ausgabe η green 2 / 2009

Dieser Artikel wurde veröffentlicht in der Ausgabe η green 2 / 2009.
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